Am Montag, 3. Mai 2021 beginnt der Prozess am Landgericht Kassel gegen Maurice P. Der damals 29-Jährige fuhr am Rosenmontag 2020 mit seinem PKW in den Rosenmontagszug der nordhessischen Kleinstadt Volkmarsen und verletzte über 154 Menschen körperlich und / oder sellisch schwer, darunter viele Kinder. Der Täter wird in 91 Fällen des versuchten Mordes angeklagt. Er schweigt bis heute zum Motiv der Tat. Für die Verhandlung sind bis Dezember 2021 vorerst 31 Verhandlungstage angesetzt, mit einer Urteilsverkündung wird Mitte 2022 gerechnet.

Was bedeutet das für die Opfer? Bei Opfern solcher Straftaten gibt es generell zwei Reaktionen: Zum einen die Hoffnung auf die Verurteilung des Täters, um damit zumindest ansatzweise Gerechtigkeit herzustellen und das Leid anzuerkennen, das ihnen widerfahren ist. Für viele der Opfer von Volkmarsen wäre es sicherlich auch hilfreich und wichtig zu verstehen, was der Grund war für die Tat. Ob  Maurice P. den Grund für seine Tat nennen wird, ist ungewiss. Er hat das Recht, dazu zu schweigen.
Zum anderen die Angst, dass durch das Gerichtsverfahren die Ereignisse in ihrem Schrecken wieder stärker ins Bewusstsein kommen.

Für die Betroffenen wird mit dem Gerichtsverfahren eine belastende Zeit anbrechen. Das hängt auch mit dem Verarbeitungszyklus von Trauma zusammen:

Etwa drei Tage nach einem traumatischen Erlebnis beginnt die sogenannte Verarbeitungsphase, die bis zu ca. acht Wochen dauert. In dieser Zeit ist das traumatische Erlebnis sehr präsent, und durch fachlich kompetente Intervention und spezielle Techniken gibt es gute Möglichkeiten, zur Verarbeitung des Traumas beizutragen.

Im Anschluss beginnt die Latenzphase. Die Psyche versucht nun, das traumatische Erlebnis zu vergessen und zu verdrängen. Bei leichteren Traumatisierungen kann dieser Verarbeitungsmechanismus erfolgreich sein. Bei schwereren Traumatisierungen wird eine erfolgreiche Verarbeitung so nicht gelingen, es kann eine chronische Traumafolgestörung (PTBS = Posttraumatische Belastungsstörung) entstehen. Ab diesem Zeitpunkt benötigt man für die Behandlung traumapsychologisch fortgebildete Psychotherapeut*innen. Nicht behandelte und nicht spontan geheilte Traumatisierungen sind für die Betroffenen häufig sehr belastend und mit großem Leid verbunden. Schlüsselreize, wie z.B. der Aufenthalt am Ort des Geschehens aber auch das unkontrollierte Erzählen über das Erlebte können zu Flashbacks und Retraumatisierungen führen. Dabei werden Betroffene von Erinnerungen überflutet, es kann keine Distanz hergestellt werden – es fühlt sich so an, als wäre man wieder mitten drin im Geschehen. Das Trauma wird quasi wiedererlebt.

Genau hier liegt das Dilemma bei Strafverfahren im Zusammenhang mit traumatischen Erlebnissen: Das durchaus berechtigte Anliegen von Justiz und Gesellschaft ist es, die Tat so genau wie möglich zu rekonstruieren, die objektive Wahrheit herauzufinden und Täter*innen zu verurteilen.

Das ebenso berechtigte Anliegen der Opfer ist es, das Trauma zu verarbeiten und soweit als möglich zurückzukehren zu einem normalen Leben.

In Volkmarsen dauerte alleine schon die Beweisaufnahme bis Ende 2020, das nun folgende Gerichtsverfahren bis mindestens Ende 2021. Solange belastbare Zeugenaussagen notwendig sind, ist eine fachlich kompetente Intervention von strafrechtlicher Seite aus nicht erwünscht, da dabei Erinnerungen verändert werden können. Der Zeitraum der ca. acht Wochen, in denen eine solche Intervention am einfachsten möglich wäre, ist also bei weitem überschritten. Und auch die nun folgenden Gerichtsverhandlungen, bei denen Opfer aussagen müssen, können sehr belastend und destabilisierend werden, weil es durch die Aussagen zu unverarbeiteten Erlebnissen zu Retraumatisierungen kommen kann.

Wir sind in Gedanken bei den Opfern und Bürger*innen Volkmarsens und stehen bei Bedarf an Beratung und Stabilisierung gerne unterstützend zur Verfügung.

Das Team vom Zentrum für Psychotraumatologie e.V. Kassel

Eine sehr gute Reportage zu Volkmarsen aus der Sicht der Opfer bietet die Hessenschau extra vom 24.02.2021.